Das Missy Magazine – eine Rezension

(bilder, verlinkungen und anderen schnickschanck liefere ich morgen oder so nach)

diesen samstag hatte ich das missy-mag in der bahnhofsbuchhandlung in der hand. es lag dort in der lifestyleecke, neben dummy, NEON und so. beim ersten durchblättern schon war ich wenig angetan. besonders eine rezension (s.U.) verärgerte mich. am sonntag reifte in mir der entschluss: kaufen und rezensieren

Sonja Eismann hat 7 jahre für die Intro gearbeitet. an die war ich ständig erinnert. das layout ist total ähnlich, wie auch die aufteilung. dabei ist der textanteil geringer als bei INTRO und NEON, was bei 100 seiten umfang wirklich wenig text bedeutet. es wimmelt von kleinen rubrikchen, wirklich alles ist irgendwie illustriert.

proträts und interviews machen gefühlte 70% des inhalts aus. es geht nur um künstlerinnen im weitesten sinne (designerin, schauspielerin, musikerin), die irgendwelchen (im weistesten sinne) kulturlinken krams machen, und eine chefredakteurin. kritische nachfragen, wenn zB die ökojeansdesignerin beklagt, dass „die konventionelle Modebranche“ ohne Ende ausbeute oder
„Wir leben im Überfluss“ – nee. alles wird stehen gelassen.

viele der artikel wirken so, als wären sie aus dem arbeitsstapel von autorinnen, die sonst für Intro, NEON usw schreiben. es wirkt so, als hätten diese schlicht den filter „frauen“ über ihr eh schon erzeugtes poutpourri gelegt, und für die MISSY ausgewählt. es drängt sich der eindruck auf, die texte hätten auch woanders genau so erscheinen können. so darf beim vibratorkauf natürlich am ende des die erwähnung des freundes nicht fehlen, dem frau „einfühlsam“ die größe des erworbenen toys zu erklären hat. der kamasutra-text ist genau so wie sextests dieser form sonst überall auch: lahm.

immerhin: auf einer drittelseite text erklärt eine dj kurz, wie man platten mixt. ob das reicht, damit leute sich dafür mehr interessieren? wirkt ein wenig wie „diy muss auch noch rein“

überhaupt fällt auf, dass neben plattentellern und vibratoren technik sonst gar keinen raum einnimmt. stattdessen gibt es semi-ironisch gebrochene backrezepte, häkelanleitungen und odestreckenparodien. keine videospiele, keine lötkolben, keine computer. lediglich auf einer viertelseite kommt ein miniüberblick über diverse blogs

andere sachen beziehen sich dann nur auf leute, die eh schon „in the know sind“. auf einer seite wird kurz erklärt, wie sich ein bart kleben lässt. warum (und ob) frau/man das tun sollte, wird nicht diskutiert. theoretisches scheint komplett vor- und ausgelagert. entertaining the converted.

am ende kommt ein rezensionsblock, der das allgemeine elend der popkultur-magazin-halbspaltenrezension auch nicht aufbrechen kann. soweit normal mässig.(vierteljährliche erscheinung und pop sind eh eine problematische kombination. wenn dann der fokus so verengt ist, kommt es zu sachen wie der rezension der 2,5 jahre alten girl monster-compilation. hat irgendwer noch nicht von der gehört?)

superärgerlich dabei die katy perry-rezension:
dass „hierzulande ein gleichgeschlechtlicher kuss so spektakulär ist wie eine rolle vorwärts“ wäre mir neu. und die komisch-eklige verbindung von bicurious cocktease („hope my boyfriend don‘t mind it) und homophobie der sängerin wird auch nicht diskutiert, nein: „das problem“ ist:“das album klingt an den wenigsten stellen nach katy perry selbst“ Rike Drust, die rezensentin, scheint weder von pop noch feminismus viel ahnung zu haben

wie soll ich mir die zielgruppe vorstellen? ausser eh schon für feminismus- und genderkrams interessierten leuten, die nach dem lesen anstrengender texte für uni oder politgruppe noch was unterhaltsames zum nebenher durchblättern und auf dem klo rumliegen wollen, gibt es da niemanden. und die werden wohl wenig neues erfahren.
inhalte sind grundsätzlich über personen vermittelt, sie gewinnen nie eigenständiges gewicht. was lernen kann hier niemand. und die themenbandbreite ist auch klar:

zumeist gut gebildete mittelschichtsfrauen schreiben für
zumeist gut gebildete mittelschichtsfrauen größtenteils über
zumeist gut gebildete mittelschichtsfrauen, die kunst machen.

der erfolg: popinteressierte feministinnen haben ein blatt zur unterhaltung, das sie nicht ärgert, aber auch nie fordert oder mit neuen inhalten konfrontiert. ein identitäsaccessoire fürs klo – genau wie Intro, Spex und co. halt auch. die spielplatzmetaphorik für popjournalismus, der sich das editorial bedient, geht da schon in die richtige richtung, um das niveau zu beschreiben. ich jedenfalls gähne vor mich hin

ich frage mich natürlich auch, was sonja eismann (auf die ich mich unfairerweise einschieße, weil ich mit ihrem namen was verbinde) meint, was die missy bringen soll. sie schrieb in der jungle world im frühjahr:

Womit sollen die »Uncoolen und Überarbeiteten« befreit werden, wenn nicht durch einen popkulturellen Basisansatz?

bleibt die frage: meint sie damit die missy? ich hoffe ja: nein. sonst: urgs.

Adorno, Hegel und das Argument

Über Ingo Elbe bin ich letztens über Hans Albert gestoßen, einen der Mitstreiter Poppers im sogenannten Positivismusstreit. Im Hans Alber-Lesebuch findet sich am Ende ein parodistischer Text aus einem Sammelband für Paul Feyerabend, in dem sich Albert über Feyerabends Rationalismus-Kritik lustig macht. In diesem Kontext zitiert er Adorno über Hegel:

Hegel mißtraut dem Argument tief und mit Recht. Primär weiß der Dialektiker, was später Simmel wiederentdeckte: daß, was argumentativ bleibt, dadurch stets der Widerlegung sich exponiert. Darum enttäuscht Hegel notwendig die Suche nach dem Argument. Schon die Frage nach dem Warum, die der unbewaffnete Leser häufig an Hegelsche Übergänge und Folgerungen zu richten sich bemüßigt fühlt, wo andere Möglichkeiten als die von ihm ventilierten offen dünken, ist ungemäß. […] Das Ideal ist nichtargumentatives Denken. […] Thesen gibt es so wenig wie Argumente; Hegel hat sie als »Spruch« verspottet. Virtuell ist immer eines auch das andere: das Argument die Prädikation dessen, was eine Sache sei, also These; die These urteilende Synthesis, also Argument.

Entspannung des Bewußtseins als Verhaltensweise heißt, Assoziationen nicht abwehren, sondern das Verständnis ihnen öffnen. Hegel kann nur assoziativ gelesen werden. Zu versuchen ist, an jeder Stelle so viele Möglichkeiten des Gemeinten, so viele Beziehungen zu anderem einzulassen, wie irgend sich aufdrängen
(S. 370, Drei Studien zu Hegel)

Passt wie Arsch auf Eimer zu meinem Eindruck von der Hegelei. Und legt vielleicht nahe, warum ich weder aus Hegel noch aus Adorno besonders viel sinnvolles ziehen konnte. Wer vor der Frage steht, ob er sich damit beschäftigen sollte, dem kann ich nur raten: Eher nicht.

Du bist Deutschland und bigm0uth sind wieder da

die letzten monate habe ich mich ja auf rumpöbeln diskutieren bei anderen leuten beschränkt, in den nexten wochen werde ich aber wieder hektische aktivität zeigen, nur um dann hier wieder in schweigen zu verfallen für weitere monate. so läuft bloggen bei mir halt.

anlass ist, dass „du bist deutschland“ wieder aufgelegt worden ist, aber irgendwie niemand was dazu schreibt – zumindest in dem teil der blogsophäre, den ich so aufgesucht habe.

ich glaube, das liegt (neben der tatsache, dass linksradikale blogger heute bestimmt weniger fernsehen gucken als vor 2 jahren, und dem insgesamt weit geringeren medienecho) daran, dass der neue spot vor allem niedliche kinder zeigt, und nicht ganz so deutlich-aufdringlich-offensichtlich grotesk und nationalistisch ist. keine aufrufe zur selbstaufopferung für die nation, die nach einer ungünstigen mischung aus kokain und dadaismus klingen (schmetterling, baum), kein „gas geben“, usw.:

auf den zweiten blick wird deutlich: der spot ist als eine biopolitisch gedachte maßnahme zu verstehen, die die demographischen probleme der nation (zu wenig kinder – jedenfalls von den richtigen leuten) propagandistisch angehen möchte.

die meiste zeit zeigt der spot als anzustrebendes ideal eine ikea-eigenheim-welt, wo die kinder auch mal mist machen dürfen. dabei gibt es – genau wie im spot vor 2 jahren – natürlich auch wieder quoten-behinderte und -nichtarier (letztere vorzugsweise leicht deliquent wirkend). insofern gehen kritiken, die das ganze als völkisches projekt sehen wollen, genau so fehl wie letztes mal schon – dazu hatte ich bei meinem beitrag damals schon einiges geschrieben . die demographische realität deutschlands will der spot wohl trotzdem nicht wieder geben.

ob die kampagnenmacher wirklich bewusst kinder migrantischer/armer herkunft anteilsmässig unterrepräsentieren, oder bei familie einfach direkt an ihre prenzl‘berger bionade-biedermeier-kinderyoga-freunde denken, kann ich nicht wissen. ersteres würde aber natürlich schon sinn ergeben: prekariatspack ist ja für den standort deutschland, dessen pflege sich die kamapgne ja verschrieben hat, nicht so toll. und es ist eben auch das, was unterschwellig rüberkommt.

etwaige probleme, die kinder haben in diesem land so mit sich bringt, werden als quasi naturgegebene notwendige schattenseiten eingeräumt, die einfach dazu gehören. (kinder)armut wird indirekt als problem eingeräumt und gleichzeitig bei seite geschoben mit zeilen wie

Du machst aus zwei Menschen eine Familie.
Aus der kleinsten Wohnung…
…einen Abenteuerspielplatz…
…und aus Nudeln mit Tomatensauce ein Festessen.

wird halt schon!

auf der bildebene wird das durch die motivwahl eben so konterkariert wie mit sätzen wie

Du kostest uns die neuen Schuhe…
…den größeren Fernseher…
…und den Urlaub am Meer.

Merke: richtige familien (die ganz liberal auch schwul oder lesbisch sein dürfen) haben ja eigentlich genug geld. ziel ist eine feel-good-stimmung über kinder, keinerlei maßnahmen materieller oder finanzieller natur, um vorhandene probleme, die sogar eingeräumt werden, anzugehen. die einstellung zu kindern soll sich halt ändern – für deutschland, denn wir sind ja eine große familie. dazu passt wunderbar der einsatz des kindes mit trisomie 21, das fröhlich am strand tobt – die mitunter handfesten materiellen gründe, die frauen davon zurück schrecken lassen, sich mit dem zusätzlichen betreungsaufwand für behinderte anzufreunden und diese auszutragen, kommen nicht vor *). die können ja auch ganz niedlich sein! – wobei letztere botschaft evt. noch das am wenigsten schlimmste an diesem spot ist, das scheint doch sehr zu kurz zu kommen in der öffentlichkeit

der spot will also mehr kinder von den richtigen leuten für ein besseres deutschland – und zwar zum nulltarif durch private aufopferung. im hintergrund steht dabei immer ein nationales kollektiv – das „wir“ ist mit den leuten in deutschland identisch, die zukunft unserer nation mit der unseren. kinder in afrika interessieren nicht – sondern nur „unsere“, die „unsere“ zukunft sind.

damit wir uns nicht falsch verstehen: meinen (post)pubertären ekel vor kindern habe ich inzwischen abgelegt, und der gedanke, mich zumindest kurze zeit mit so kleinen rackern rumzuschlagen, stößt mich gar nicht mehr ab. ich kann nicht nachvollziehen, warum leute es zur zeit für eine gute idee halten, kinder zu kriegen, aber möchte trotzdem deren leben einfacher gestaltet wissen. aber das bestimmt nicht im dienste eines nationalen kollektivs, des „standorts deutschlands“ oder der akkumulation.

*) an dieser stelle kann ich leider nur kurz anreissen, dass die ablehnung behinderter kinder natürlich viel mehr facetten hat. ich glaube eh, dass diskussionen über gezielt privateugenische abtreibungen grundlegende fragen darüber klären müsste, auf grund welcher motive und erwartungen leute kinder kriegen, und wie sehr das gesellschaftlichen einflüssen unterliegt, wie diese aussehen usw. aber das nur am rande.

PS: diesmal würde ich mich über verlinkungen und trackbacks besonders freuen, weil die ganze sache bisher zu wenig thematisiert worden ist

denkwürdige dialoge III

oft stellt sich ja die frage, warum man sich eigentlich in der uni engagieren soll. ich finde, dialoge wie folgenden im fachschaftsraum mitzukriegen, sind da schon ein guter grund:

A (männlich): „ich fand baise moi ziemlich scheiße“

J (weiblich) (in total vorwurfsvollem tonfall) „du magst wohl überhaupt keine pornos!“

hardcore war auch 1986 schon scheiße

eine perle auf youtube: Phil Donahue diskutiert in seiner talkshow mit mitgliedern diverser wichtiger bands, ob ihre erzreaktionären anti-welfare-texte nicht doch ein klein bisschen rassistisch sein könnten:

(via)