Archiv für Dezember 2005

geist der weihnacht

in den letzten 10 jahren hat sich meine einstellung zu weihnachten von freude über indifferenz hin zu abscheu entwickelt. für mich zeichnet sich weihnachten mittlerweile in erster linie dadurch aus, dass ich noch motivierter als sonst schon wäre, nagelbomben auf belebten einkaufsstraßen zu zünden. ströme von leuten wälzen sich einem entgegen, verkniffene fressen, während sie irgendwas in sich hineinstopfen, und beladen wie die packesel herumstolpern, und dabei die bettler zu ihren füßen keines blickes würdigen

es gibt weniges, was die verblödung der leute besser zeigt: aus purer tradition unterwerfen sich die mitglieder einer weitgehend säkularisierten gesellschaft einem dummen religiösen kalenderdatum, an dem sie sich in unkosten stürzen & alljährlich das familienelend besichtigen dürfen. traditionen sind widerliche, widerliche dinge

so, ausgekotzt, musste sein.

den morgigen abend nach der bescherung verbringe ich wahrscheinlich im bett, und lese dabei Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse“. es wird mir gut tun

die meisten menschen sind leider ziemlich dumm

mehrere beobachtungen ergeben zusammengefasst dieses recht klare ergebnis:

  • leute, die nur wegen einer blinkenden anzeigetafel konditioniert wie die ratten anfangen zur stadtbahn zu laufen, obwohl von der unibrücke aus, auf der sie laufen, die sicht auf 100e meter schienen frei , und noch gar keine ubahn in sicht ist
  • die gleichen leute, die seit jahren das interessante phänomen ignorieren, dass der ubahnwagen in treppennähe immer doppelt so voll ist wie der weiter entfernt haltende, und so nicht auf die idee kommen, in den 5 minuten wartepause 20 meter zu gehen, um dem schicksal einer eingebüchsten sardine zu entgehen
  • und wenn diese leute im hörsaal oder im kino auflaufen, wo erwartungsgemäss später alle plätze belegt sein werden, kommen sie nicht mal auf die idee, sich einfach mal in die mitte der reihe zu setzen, um minuten des drängelns und aufstehen-müssens zu verhindern. die haben nicht alle eine so schwache blase, dass sie dauernd rausmüssen. und die wenigsten von ihnen gehen vor ende der veranstaltung
  • und vertreter der gleichen spezies sind mal auf dem mond gelandet?

    BILD ist immer wieder erstaunlich I

    stalin

    changes

    samstag abend mal wieder ne alte freundin besucht. brauche für so was irgendwie zZ immer n anlass, diesmal war es ein geliehenes buch. drei erkenntnisse gewonnen:

    a) Tony Montanas weisheit in Scarface (übrigens das remake eines ebenfalls sehr tollen 1932er gangsterfilms)

    Capitalism means getting fucked

    macht sich immer mehr auch bei leuten in meiner direkten umgebung bemerkbar. berufsbedingte körperliche schäden nach 1 1/2 jahren ausbildung sind wirklich überdurchschnittlich mies. dazu schlaucht der job schon so ungemein. über schleichwege (fast buchstäblich so zu nennende) kommt dazu noch die info, dass das arbeitsamt fortbildungsmaßnahmen bei körperlichen schäden nicht übernimmt, sondern leute zur lokalen xxx-kammer weiterschickt, die aber kein geld hat. bleibt als nur vom boss gekündigt werden (wird klappen), und auf fortbildung hoffen. und die daumen drücken, dass so was nicht dabei rauskommt (nebenbei: dicken applaus für Dein blog, h|a)

    b) trotzdem sind manche leute auch unter solchen widrigen bedingungen zu veränderungen und leistungen fähig, die mensch ihnen so nicht zugetraut hätte. ich hätte noch vor jahresfrist nicht geglaubt. dass sie, die vielleicht technophobeste person, die ich überhaupt kenne, sich innerhalb nicht mal einem jahr ausrüstung für digitale fotografie, mindestens sehr ordentliche photoshop-kenntnisse…

    (eigentlich gibt es an dieser stelle weder einen alleinstehenden baum. noch einen hügel. ich bin nicht mal sicher, ob der nebel echt ist)

    …ein e-mail-postfach, eine dsl-flatrate, ein online-fotoalbum und jetzt sogar ein notebook mit hochleistungsakku und superhoher auflösung aneignet – wenn ich daran zurück denke, dass sie noch vor 3 jahren meinte, sie würde niemals auch nur tippen lernen wollen…

    mich freut das insbesondere deswegen so, weil es eindeutig belegt, dass leute auch jenseits der 20 sich noch deutlich ändern können. und die vorstellung, wie sie mit dem computer auf dem schoß auf der nächsten halde unterm baum sitzt und ihre fotos ihrer phantasie (wo natur, „magie“ und so kram etwas viel platz einnehmen) mit hilfe höchstentwickelter technik entsprechend um gestaltet, finde ich sehr sehr komisch und absurd

    c) sie & ihr langjähriger freund heiraten wahrscheinlich im sommer. bei anderen leuten würde ich wahrscheinlich „oh nein“ denken (und angesichts meiner besonders ausgeprägten höflichkeit sogar sagen…), aber bei den beiden ist das was anderes. zwar verstehe ich den gedankengang nicht ganz, da sich dadurch wohl eh nichts ändern wird, und ich nicht so wirklich verstehe, was ein vor vertretern des staates geschlossener vertrag so tolles sein soll, insbesondere, wenn die formel von „bis der tod euch scheidet“ zu „solange ihr spaß dran habt“ geändert werden soll – aber ist ja auch egal. wenn’s ihnen gefällt… vor Allem sind die beiden als paar sehr erträglich: ihre zuneigung zueinander wird niemandem verborgen bleiben, trotzdem hängen sie nicht aufeinander wie die kletten, und nerven einfach nicht. alles eigenschaften, die viele paare leider nicht aufweisen – glücklicherweise habe ich bisher vermieden, zu viel mit dieser anderen spezies zu tun zu haben. für die habe ich nämlich nur verachtung und ein zitat der Lassie Singers übrig:

    Pärchen verpisst euch/keiner vermisst euch

    hoffe, wird ne nette hochzeit. ich mag gute parties

    bigmouths modernes leben I

    wenn mensch (noch) in der diaspora lebt, hat das oft zur folge, dass werktags aufbruch auch von guten parties oft gezwungernermassen schon vor zwölf statt zu finden hat. dann ohne gute lektüre in selbiger zu sitzen, lenkt oft die aufmerksamkeit auf das mobiltelfon. nachdem sämtliche unwichtige alte sms manuell gelöscht worden sind, lenkt sich die aufmerksamkeit auf den menüpunkt „textbausteine“. darin die vorgefertigte sms-vorlage „Ich vermisse Dich!“

    Adorno hätte es wahrscheinlich geschafft, daraus einen 4seitigen aphorismus über das falsche leben zu stricken. da ich so gar nicht Adorno bin (und gerade auch ein wenig betrunken), beschränke mich darauf, ein lautes „igitt“ zu äussern, und meine leser zu fragen, was es über die welt, in der wir leben, aussagt, dass irgend jemand bei siemens der meinung war, dass es zu erwarten wäre, dass leute die 5 sekunden ersparniss, diesen eigentlich doch recht persönlich gemeinten satz nicht selbst eintippen zu müssen, so sehr wertschätzen würden, dass er unter die 10 vorgefertigten entwürfe kam…