bigmouths modernes leben I

wenn mensch (noch) in der diaspora lebt, hat das oft zur folge, dass werktags aufbruch auch von guten parties oft gezwungernermassen schon vor zwölf statt zu finden hat. dann ohne gute lektüre in selbiger zu sitzen, lenkt oft die aufmerksamkeit auf das mobiltelfon. nachdem sämtliche unwichtige alte sms manuell gelöscht worden sind, lenkt sich die aufmerksamkeit auf den menüpunkt „textbausteine“. darin die vorgefertigte sms-vorlage „Ich vermisse Dich!“

Adorno hätte es wahrscheinlich geschafft, daraus einen 4seitigen aphorismus über das falsche leben zu stricken. da ich so gar nicht Adorno bin (und gerade auch ein wenig betrunken), beschränke mich darauf, ein lautes „igitt“ zu äussern, und meine leser zu fragen, was es über die welt, in der wir leben, aussagt, dass irgend jemand bei siemens der meinung war, dass es zu erwarten wäre, dass leute die 5 sekunden ersparniss, diesen eigentlich doch recht persönlich gemeinten satz nicht selbst eintippen zu müssen, so sehr wertschätzen würden, dass er unter die 10 vorgefertigten entwürfe kam…


3 Antworten auf „bigmouths modernes leben I“


  1. 1 Mau 14. Dezember 2005 um 16:52 Uhr

    Stellt sich die Frage, was die anderen 9 Sätze sind? Schatz, ich will ein Kind von Dir? / Ich möchte die Scheidung! / Opa ist tot / Herzlichen Glückwunsch zur Einschulung? / Bitte eine Pizza Tonno.

  2. 2 deutschlaender 17. Dezember 2005 um 0:17 Uhr

    Fehlte noch:
    „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“

  3. 3 kristi 18. Dezember 2005 um 12:15 Uhr

    vielleicht ist das auch für leute gedacht, die nicht wissen, wie man liebevolle sätze formuliert, als anregung sozusagen, weil sie sonst vielleicht so etwas schreiben würden wie „scheiße dass du nicht da bist und mir kein bier aus‘m kühlschrank holen kannst“, was die scheidungsrate evtl. noch mehr erhöhen würde – mit den entsprechenden folgen von handy-umsatz-rückgängen.

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