Archiv für Dezember 2007

Du bist Deutschland und bigm0uth sind wieder da

die letzten monate habe ich mich ja auf rumpöbeln diskutieren bei anderen leuten beschränkt, in den nexten wochen werde ich aber wieder hektische aktivität zeigen, nur um dann hier wieder in schweigen zu verfallen für weitere monate. so läuft bloggen bei mir halt.

anlass ist, dass „du bist deutschland“ wieder aufgelegt worden ist, aber irgendwie niemand was dazu schreibt – zumindest in dem teil der blogsophäre, den ich so aufgesucht habe.

ich glaube, das liegt (neben der tatsache, dass linksradikale blogger heute bestimmt weniger fernsehen gucken als vor 2 jahren, und dem insgesamt weit geringeren medienecho) daran, dass der neue spot vor allem niedliche kinder zeigt, und nicht ganz so deutlich-aufdringlich-offensichtlich grotesk und nationalistisch ist. keine aufrufe zur selbstaufopferung für die nation, die nach einer ungünstigen mischung aus kokain und dadaismus klingen (schmetterling, baum), kein „gas geben“, usw.:

auf den zweiten blick wird deutlich: der spot ist als eine biopolitisch gedachte maßnahme zu verstehen, die die demographischen probleme der nation (zu wenig kinder – jedenfalls von den richtigen leuten) propagandistisch angehen möchte.

die meiste zeit zeigt der spot als anzustrebendes ideal eine ikea-eigenheim-welt, wo die kinder auch mal mist machen dürfen. dabei gibt es – genau wie im spot vor 2 jahren – natürlich auch wieder quoten-behinderte und -nichtarier (letztere vorzugsweise leicht deliquent wirkend). insofern gehen kritiken, die das ganze als völkisches projekt sehen wollen, genau so fehl wie letztes mal schon – dazu hatte ich bei meinem beitrag damals schon einiges geschrieben . die demographische realität deutschlands will der spot wohl trotzdem nicht wieder geben.

ob die kampagnenmacher wirklich bewusst kinder migrantischer/armer herkunft anteilsmässig unterrepräsentieren, oder bei familie einfach direkt an ihre prenzl‘berger bionade-biedermeier-kinderyoga-freunde denken, kann ich nicht wissen. ersteres würde aber natürlich schon sinn ergeben: prekariatspack ist ja für den standort deutschland, dessen pflege sich die kamapgne ja verschrieben hat, nicht so toll. und es ist eben auch das, was unterschwellig rüberkommt.

etwaige probleme, die kinder haben in diesem land so mit sich bringt, werden als quasi naturgegebene notwendige schattenseiten eingeräumt, die einfach dazu gehören. (kinder)armut wird indirekt als problem eingeräumt und gleichzeitig bei seite geschoben mit zeilen wie

Du machst aus zwei Menschen eine Familie.
Aus der kleinsten Wohnung…
…einen Abenteuerspielplatz…
…und aus Nudeln mit Tomatensauce ein Festessen.

wird halt schon!

auf der bildebene wird das durch die motivwahl eben so konterkariert wie mit sätzen wie

Du kostest uns die neuen Schuhe…
…den größeren Fernseher…
…und den Urlaub am Meer.

Merke: richtige familien (die ganz liberal auch schwul oder lesbisch sein dürfen) haben ja eigentlich genug geld. ziel ist eine feel-good-stimmung über kinder, keinerlei maßnahmen materieller oder finanzieller natur, um vorhandene probleme, die sogar eingeräumt werden, anzugehen. die einstellung zu kindern soll sich halt ändern – für deutschland, denn wir sind ja eine große familie. dazu passt wunderbar der einsatz des kindes mit trisomie 21, das fröhlich am strand tobt – die mitunter handfesten materiellen gründe, die frauen davon zurück schrecken lassen, sich mit dem zusätzlichen betreungsaufwand für behinderte anzufreunden und diese auszutragen, kommen nicht vor *). die können ja auch ganz niedlich sein! – wobei letztere botschaft evt. noch das am wenigsten schlimmste an diesem spot ist, das scheint doch sehr zu kurz zu kommen in der öffentlichkeit

der spot will also mehr kinder von den richtigen leuten für ein besseres deutschland – und zwar zum nulltarif durch private aufopferung. im hintergrund steht dabei immer ein nationales kollektiv – das „wir“ ist mit den leuten in deutschland identisch, die zukunft unserer nation mit der unseren. kinder in afrika interessieren nicht – sondern nur „unsere“, die „unsere“ zukunft sind.

damit wir uns nicht falsch verstehen: meinen (post)pubertären ekel vor kindern habe ich inzwischen abgelegt, und der gedanke, mich zumindest kurze zeit mit so kleinen rackern rumzuschlagen, stößt mich gar nicht mehr ab. ich kann nicht nachvollziehen, warum leute es zur zeit für eine gute idee halten, kinder zu kriegen, aber möchte trotzdem deren leben einfacher gestaltet wissen. aber das bestimmt nicht im dienste eines nationalen kollektivs, des „standorts deutschlands“ oder der akkumulation.

*) an dieser stelle kann ich leider nur kurz anreissen, dass die ablehnung behinderter kinder natürlich viel mehr facetten hat. ich glaube eh, dass diskussionen über gezielt privateugenische abtreibungen grundlegende fragen darüber klären müsste, auf grund welcher motive und erwartungen leute kinder kriegen, und wie sehr das gesellschaftlichen einflüssen unterliegt, wie diese aussehen usw. aber das nur am rande.

PS: diesmal würde ich mich über verlinkungen und trackbacks besonders freuen, weil die ganze sache bisher zu wenig thematisiert worden ist