Du bist Deutschland und bigm0uth sind wieder da

die letzten monate habe ich mich ja auf rumpöbeln diskutieren bei anderen leuten beschränkt, in den nexten wochen werde ich aber wieder hektische aktivität zeigen, nur um dann hier wieder in schweigen zu verfallen für weitere monate. so läuft bloggen bei mir halt.

anlass ist, dass „du bist deutschland“ wieder aufgelegt worden ist, aber irgendwie niemand was dazu schreibt – zumindest in dem teil der blogsophäre, den ich so aufgesucht habe.

ich glaube, das liegt (neben der tatsache, dass linksradikale blogger heute bestimmt weniger fernsehen gucken als vor 2 jahren, und dem insgesamt weit geringeren medienecho) daran, dass der neue spot vor allem niedliche kinder zeigt, und nicht ganz so deutlich-aufdringlich-offensichtlich grotesk und nationalistisch ist. keine aufrufe zur selbstaufopferung für die nation, die nach einer ungünstigen mischung aus kokain und dadaismus klingen (schmetterling, baum), kein „gas geben“, usw.:

auf den zweiten blick wird deutlich: der spot ist als eine biopolitisch gedachte maßnahme zu verstehen, die die demographischen probleme der nation (zu wenig kinder – jedenfalls von den richtigen leuten) propagandistisch angehen möchte.

die meiste zeit zeigt der spot als anzustrebendes ideal eine ikea-eigenheim-welt, wo die kinder auch mal mist machen dürfen. dabei gibt es – genau wie im spot vor 2 jahren – natürlich auch wieder quoten-behinderte und -nichtarier (letztere vorzugsweise leicht deliquent wirkend). insofern gehen kritiken, die das ganze als völkisches projekt sehen wollen, genau so fehl wie letztes mal schon – dazu hatte ich bei meinem beitrag damals schon einiges geschrieben . die demographische realität deutschlands will der spot wohl trotzdem nicht wieder geben.

ob die kampagnenmacher wirklich bewusst kinder migrantischer/armer herkunft anteilsmässig unterrepräsentieren, oder bei familie einfach direkt an ihre prenzl‘berger bionade-biedermeier-kinderyoga-freunde denken, kann ich nicht wissen. ersteres würde aber natürlich schon sinn ergeben: prekariatspack ist ja für den standort deutschland, dessen pflege sich die kamapgne ja verschrieben hat, nicht so toll. und es ist eben auch das, was unterschwellig rüberkommt.

etwaige probleme, die kinder haben in diesem land so mit sich bringt, werden als quasi naturgegebene notwendige schattenseiten eingeräumt, die einfach dazu gehören. (kinder)armut wird indirekt als problem eingeräumt und gleichzeitig bei seite geschoben mit zeilen wie

Du machst aus zwei Menschen eine Familie.
Aus der kleinsten Wohnung…
…einen Abenteuerspielplatz…
…und aus Nudeln mit Tomatensauce ein Festessen.

wird halt schon!

auf der bildebene wird das durch die motivwahl eben so konterkariert wie mit sätzen wie

Du kostest uns die neuen Schuhe…
…den größeren Fernseher…
…und den Urlaub am Meer.

Merke: richtige familien (die ganz liberal auch schwul oder lesbisch sein dürfen) haben ja eigentlich genug geld. ziel ist eine feel-good-stimmung über kinder, keinerlei maßnahmen materieller oder finanzieller natur, um vorhandene probleme, die sogar eingeräumt werden, anzugehen. die einstellung zu kindern soll sich halt ändern – für deutschland, denn wir sind ja eine große familie. dazu passt wunderbar der einsatz des kindes mit trisomie 21, das fröhlich am strand tobt – die mitunter handfesten materiellen gründe, die frauen davon zurück schrecken lassen, sich mit dem zusätzlichen betreungsaufwand für behinderte anzufreunden und diese auszutragen, kommen nicht vor *). die können ja auch ganz niedlich sein! – wobei letztere botschaft evt. noch das am wenigsten schlimmste an diesem spot ist, das scheint doch sehr zu kurz zu kommen in der öffentlichkeit

der spot will also mehr kinder von den richtigen leuten für ein besseres deutschland – und zwar zum nulltarif durch private aufopferung. im hintergrund steht dabei immer ein nationales kollektiv – das „wir“ ist mit den leuten in deutschland identisch, die zukunft unserer nation mit der unseren. kinder in afrika interessieren nicht – sondern nur „unsere“, die „unsere“ zukunft sind.

damit wir uns nicht falsch verstehen: meinen (post)pubertären ekel vor kindern habe ich inzwischen abgelegt, und der gedanke, mich zumindest kurze zeit mit so kleinen rackern rumzuschlagen, stößt mich gar nicht mehr ab. ich kann nicht nachvollziehen, warum leute es zur zeit für eine gute idee halten, kinder zu kriegen, aber möchte trotzdem deren leben einfacher gestaltet wissen. aber das bestimmt nicht im dienste eines nationalen kollektivs, des „standorts deutschlands“ oder der akkumulation.

*) an dieser stelle kann ich leider nur kurz anreissen, dass die ablehnung behinderter kinder natürlich viel mehr facetten hat. ich glaube eh, dass diskussionen über gezielt privateugenische abtreibungen grundlegende fragen darüber klären müsste, auf grund welcher motive und erwartungen leute kinder kriegen, und wie sehr das gesellschaftlichen einflüssen unterliegt, wie diese aussehen usw. aber das nur am rande.

PS: diesmal würde ich mich über verlinkungen und trackbacks besonders freuen, weil die ganze sache bisher zu wenig thematisiert worden ist


25 Antworten auf „Du bist Deutschland und bigm0uth sind wieder da“


  1. 1 lila 18. Dezember 2007 um 19:30 Uhr

    super, dass du dich der sache angenommen hast, bigmouth. aber die rolle der „alibi-neger & -mongos“ siehst du m.e. falsch. der charakter der kampagnen ist so offensichtlich faschistisch, dass man halt zur abwehr von kritik ab und zu einen nicht-arier einbaut.

  2. 2 sm 18. Dezember 2007 um 19:58 Uhr

    danke, sehr gut analysiert.

  3. 3 bigmouth 19. Dezember 2007 um 1:33 Uhr

    faschistisch? wieso? seh‘ ich nicht.

  4. 4 chaze 19. Dezember 2007 um 1:50 Uhr

    Na, ist zwar kein Blog, aber bei Telepolis stand immerhin auch schon was zu der Kampagne: Du bist Deutschland – Du bist ab jetzt kinderfreundlich

  5. 5 Blogomat 19. Dezember 2007 um 19:27 Uhr

    Dass sich niemand außer Dir mit der Kampagne beschäftigt, zeigt wie Blogsport (und die Linke vielleicht allgemein?) auf den Hund gekommen sind. Statt Analysen oder wenigstens Meinungen gibts nur noch alberne Promotion für alberne Mucke, Sticker, Tücher und die eigenen Graffitis und Klebereien. Wenn mal ein „Inhalt“ dasteht, dann nur, dass irgendein „Antiimp“ hintern Baum geschissen hat…

  6. 6 difficultiseasy 19. Dezember 2007 um 23:33 Uhr

    @blogomat:
    und manche kommentieren nur blöd rum…
    halts maul und kauf meine tshirts/sticker/platten :D

  7. 7 m 20. Dezember 2007 um 16:07 Uhr

    Ich war ja echt überrascht mal einen anständigen artikel zu lesen – kannte den blog nicht.

    dann gebe ich auch meinen Senf ergänzend dazu:

    Die Produzenten des Spots diagnostizieren dem Bürger ein Problem: Deutschland hat zu wenig Nachwuchs. Das dass kein konkretes Problem der Leute (kein Geld, kein Job), sondern eines des Staates ist, wird an dieser Stelle glatt durchgestrichen. Jetzt soll sich also jeder angesprochen fühlen – jeder Deutsche soll sich nun dieses Problem zu eigen machen. Dazu ist ein starkes Stück Abstraktion seiner Interessen und seiner Lage notwendig, aber dafür ist Nationalismus ja schließlich da. Wesentlich interessanter wäre ja mal ein Spot darüber, wie die materialistischen Probleme der Leute wirklich aussehen und zu lösen sind, but ayway…

    Es geht also um das äußerst bedeutende Problem was jede Kleinfamilie in einer Plattenbauwohnung beschäftigt, ja jeden Bürger – „Scheiße, wir haben zu wenig Kindermaterial-Nachschub, welches unsere Wirtschaft in Zukunft tragen kann“
    Aber von ganz hintern Mond kommen die Produzenten auch wieder nicht – dass so ein Kind eine Schädigung der Leute bedeutet, unzwar nicht gerade eine kleine, das merken sie schon. Man muss nachts aufstehen wenn das Baby schreit, durchfüttern, finanzieren bis es 26 (?) (Kenne mich da mit der Gesetzeslage nicht aus, ist aber auch verdammt egal ;) ) ist, usw. Also eine rundum Schädigung – finanzieller und körperlicher Art.

    Wenn eine Paar Kinder will, dann ist das meistens recht einfach umzusetzen, da bedarf es keiner Kampange zu. Ob die Gründe dafür besser sind ist fraglich, aber hier nicht relevant.
    Es soll ja um Leute gehen, die erst noch überzeugt werden müssen – leider kann man die Schädigung des Kinderkriegens nicht mit dem Dienst an der Nationalen Sache wegwischen – nur der Spruch „Du bist Deutschland“ [Tu es für Deutschland] zieht hier nicht ausreichend (sicherlich gibt es auch so verdrehte Menschen, aber das ist nicht der Gros der Masse).
    Also was tuen? Wir brauchen doch Kinder für die nationale Sache!
    Genau, also relativieren wir die Schäden einfach – das ist doch schön wenn die Kinder spielen und eben Kinder sind – und behaupten dann die „Liebe“ des Kindes bedeute Absolution und stehe auf einer ganz anderen Ebene als simple materielle Interessen: Spaghetti mit Tomatensauße wird ein Festessen mit „dir“.
    Sowas wie finanzielle Sicherheit, Urlaub, Schlaf oder mal einen Fernseher, das brauch man nicht mehr sobald man sich ein Kind angeschafft hat!

    Somit hätte man schlagkräfige Argumente für jedermann mehr Kinder zu bekommen, die nationale Sache wäre also gesichert.

    Der Nationalismus der Leute soll diesesmal zum Kindermachen herhalten – eine Schädigung der Leute bedeutet er sowiso immmer – und falls das nicht als Argument reicht werden noch ein paar bürgerliche Kleinfamilienglücksvorstellungen reingebracht, die Schäden verharmlost und Liebe absolut gesetzt, fertig sind die zukünftigen Generationen arbeitsfähigem Menschenmaterials!

  8. 8 difficultiseasy 20. Dezember 2007 um 17:49 Uhr

    @m:
    ich hab grad nur wenig zeit, deswegen ganz kurz und der qualität deines kommentars angemessen: das is doch bullshit.

  9. 9 m 20. Dezember 2007 um 18:48 Uhr

    na dann kritisier mal inhaltlich was dir nicht passt wenn du zeit hast, ich bin gespannt

  10. 10 schorsch 21. Dezember 2007 um 3:17 Uhr

    interessant ist auch, wie der spot geschlechterdemarkationen in szene setzt: frau erscheint meist in einem emotional, innig und sinnlichem bezug zum kind, während der mann eher etwas unbeholfen mit dem kind umgeht. „wildere szenen“ sind eigentlich auch nur mit „papa“ zu sehen.
    wens interessiert: auf meinem blog mache ich mir auch ein paar gedanken zu dem neuen horrostreifen von bertelsmann.

  11. 11 vogelfrei 04. Januar 2008 um 4:43 Uhr

    Na wie wundervoll…andere Blogs tun sich damit herunter über ‚Wieso muss ich die Pille und nicht der Kerl schlucken?‘…hier bekommt man die Antwort direkt serviert.
    Mehr Kinder = weniger Probleme.
    Das klingt nach einem super Rezept…

    Das lustige ist, mir ist das mit dem Alibineger (Ja, Neger! Ich hasse das Wort ‚Andersfarbiger‘ und ähnliche fehlgeleitete Euphemismen, welche alle eigentlich nur eines herausdeuten: Den Unterschied. Ach wie oberflächlich…) irgendwie ins Auge gesprungen. Und ich hatte das Video vor dem Text konsumiert.

    Zwei Fragen:
    1. Was ist hier bitte schön faschistisch? (Übrigends…wieso werde ich das Gefühl nicht los, dass dieser Begriff in den Köpfen mancher Menschen todsicher mit dem Begriff des Nationalsozialismuses verkettet ist…und nur mit dem.)
    2. Was ist schlecht an nationalismus? (Mal abgesehen, dass ich sogar schon zum Studieren aus meinem untergehenden Ursprungsland geflüchtet bin…eben weil es untergeht.)

    Cheers! Und nachträglich ein erfolgreiches 2008.

  12. 12 alkohol 20. Januar 2008 um 3:15 Uhr

    Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich erst eben gemerkt habe, dass DbD und bigm0uth wieder da sind. Scheiße bzw. schön.

    @ m

    Ich fand jetzt gar nix Falsches an deinem Beitrag, allerdings auch nichts substantiell Neues oder auch nur besser Formuliertes als in bigm0uths Text.
    Aber besser ist’s freilich, wenn man’s noch mal auf Gsp sagt.

  13. 13 nichtidentisches 12. Februar 2008 um 15:55 Uhr

    weniger pöbeln, mehr lesen, fünf artikel runtergescrollt hättest dus gehabt:
    http://nichtidentisches.myblog.de/nichtidentisches/art/239995160/Du_bist_Presswurst

    Einziges Manko: Zur Linken gehört das nicht.

  14. 14 bigmouth 12. Februar 2008 um 18:24 Uhr

    schau‘ aufs datum, trottel

  15. 15 oca 01. April 2009 um 0:44 Uhr

    @m: falls du nach drei monaten nochmal hier bist: bigmouth hat die sache schon richtig analysiert: kinderkriegen im nationalen interesse dank „du bist deutschland“. aber dass kinder eine „schädigung“ sind, kann eigentlich nur schreiben, wer entweder keine hat und keine mag, oder nicht dazu fähig ist, seine eigenen zu lieben. materielle nachteile, stress, sorgen, von mir aus auch ökonomistisch „opportunitätskosten“, das alles kann man schreiben. aber „schädigung“ ist wirklich bullshit.

  16. 16 oca 01. April 2009 um 0:48 Uhr

    … scheisse, der blog ist ja von 2007. ich habe soeben versucht, mit der steinzeit kontakt aufzunehmen.

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