Archiv für November 2008

Das Missy Magazine – eine Rezension

(bilder, verlinkungen und anderen schnickschanck liefere ich morgen oder so nach)

diesen samstag hatte ich das missy-mag in der bahnhofsbuchhandlung in der hand. es lag dort in der lifestyleecke, neben dummy, NEON und so. beim ersten durchblättern schon war ich wenig angetan. besonders eine rezension (s.U.) verärgerte mich. am sonntag reifte in mir der entschluss: kaufen und rezensieren

Sonja Eismann hat 7 jahre für die Intro gearbeitet. an die war ich ständig erinnert. das layout ist total ähnlich, wie auch die aufteilung. dabei ist der textanteil geringer als bei INTRO und NEON, was bei 100 seiten umfang wirklich wenig text bedeutet. es wimmelt von kleinen rubrikchen, wirklich alles ist irgendwie illustriert.

proträts und interviews machen gefühlte 70% des inhalts aus. es geht nur um künstlerinnen im weitesten sinne (designerin, schauspielerin, musikerin), die irgendwelchen (im weistesten sinne) kulturlinken krams machen, und eine chefredakteurin. kritische nachfragen, wenn zB die ökojeansdesignerin beklagt, dass „die konventionelle Modebranche“ ohne Ende ausbeute oder
„Wir leben im Überfluss“ – nee. alles wird stehen gelassen.

viele der artikel wirken so, als wären sie aus dem arbeitsstapel von autorinnen, die sonst für Intro, NEON usw schreiben. es wirkt so, als hätten diese schlicht den filter „frauen“ über ihr eh schon erzeugtes poutpourri gelegt, und für die MISSY ausgewählt. es drängt sich der eindruck auf, die texte hätten auch woanders genau so erscheinen können. so darf beim vibratorkauf natürlich am ende des die erwähnung des freundes nicht fehlen, dem frau „einfühlsam“ die größe des erworbenen toys zu erklären hat. der kamasutra-text ist genau so wie sextests dieser form sonst überall auch: lahm.

immerhin: auf einer drittelseite text erklärt eine dj kurz, wie man platten mixt. ob das reicht, damit leute sich dafür mehr interessieren? wirkt ein wenig wie „diy muss auch noch rein“

überhaupt fällt auf, dass neben plattentellern und vibratoren technik sonst gar keinen raum einnimmt. stattdessen gibt es semi-ironisch gebrochene backrezepte, häkelanleitungen und odestreckenparodien. keine videospiele, keine lötkolben, keine computer. lediglich auf einer viertelseite kommt ein miniüberblick über diverse blogs

andere sachen beziehen sich dann nur auf leute, die eh schon „in the know sind“. auf einer seite wird kurz erklärt, wie sich ein bart kleben lässt. warum (und ob) frau/man das tun sollte, wird nicht diskutiert. theoretisches scheint komplett vor- und ausgelagert. entertaining the converted.

am ende kommt ein rezensionsblock, der das allgemeine elend der popkultur-magazin-halbspaltenrezension auch nicht aufbrechen kann. soweit normal mässig.(vierteljährliche erscheinung und pop sind eh eine problematische kombination. wenn dann der fokus so verengt ist, kommt es zu sachen wie der rezension der 2,5 jahre alten girl monster-compilation. hat irgendwer noch nicht von der gehört?)

superärgerlich dabei die katy perry-rezension:
dass „hierzulande ein gleichgeschlechtlicher kuss so spektakulär ist wie eine rolle vorwärts“ wäre mir neu. und die komisch-eklige verbindung von bicurious cocktease („hope my boyfriend don‘t mind it) und homophobie der sängerin wird auch nicht diskutiert, nein: „das problem“ ist:“das album klingt an den wenigsten stellen nach katy perry selbst“ Rike Drust, die rezensentin, scheint weder von pop noch feminismus viel ahnung zu haben

wie soll ich mir die zielgruppe vorstellen? ausser eh schon für feminismus- und genderkrams interessierten leuten, die nach dem lesen anstrengender texte für uni oder politgruppe noch was unterhaltsames zum nebenher durchblättern und auf dem klo rumliegen wollen, gibt es da niemanden. und die werden wohl wenig neues erfahren.
inhalte sind grundsätzlich über personen vermittelt, sie gewinnen nie eigenständiges gewicht. was lernen kann hier niemand. und die themenbandbreite ist auch klar:

zumeist gut gebildete mittelschichtsfrauen schreiben für
zumeist gut gebildete mittelschichtsfrauen größtenteils über
zumeist gut gebildete mittelschichtsfrauen, die kunst machen.

der erfolg: popinteressierte feministinnen haben ein blatt zur unterhaltung, das sie nicht ärgert, aber auch nie fordert oder mit neuen inhalten konfrontiert. ein identitäsaccessoire fürs klo – genau wie Intro, Spex und co. halt auch. die spielplatzmetaphorik für popjournalismus, der sich das editorial bedient, geht da schon in die richtige richtung, um das niveau zu beschreiben. ich jedenfalls gähne vor mich hin

ich frage mich natürlich auch, was sonja eismann (auf die ich mich unfairerweise einschieße, weil ich mit ihrem namen was verbinde) meint, was die missy bringen soll. sie schrieb in der jungle world im frühjahr:

Womit sollen die »Uncoolen und Überarbeiteten« befreit werden, wenn nicht durch einen popkulturellen Basisansatz?

bleibt die frage: meint sie damit die missy? ich hoffe ja: nein. sonst: urgs.